Immer mehr Menschen informieren sich im Internet über Krankheiten. Experten warnen jedoch vor der Selbstdiagnose. Die Online-Suche ersetzt keinen Arztbesuch.
Als im letztem Frühjahr der EHEC-Erreger grassierte, befürchteten nicht wenige Menschen, sich mit der gefährlichen Darmkrankheit angesteckt zu haben und
gingen zum Arzt. In den meisten Fällen war es jedoch nicht die lebensbedrohliche Krankheit, sondern ein harmloser MagenDarm-Infekt oder eine Erkältung, unter der die Patienten litten. Die Berichterstattung über den EHEC-Erreger hatte einen neuen Volkssport befeuert: die Selbstdiagnose. Mittlerweile haben rund 50 Millionen Menschen in Deutschland Zugang zum Internet. Dort kann man per Mausklick nach Krankheiten, Symptomen und
Behandlungsmöglichkeiten fahnden. Das führt nicht selten in die falsche Richtung.
„Eine medizinische Diagnose zu stellen ist hoch komplex – nicht umsonst dauert ein Medizinstudium sechs Jahre“, sagt Nina Buschek vom Gesundheitsportal netdoktor.de. Die Selbstdiagnose kann mitunter fatale Auswirkungen haben. In seinem Abschiedsbrief schreibt der als Fotograf und Playboy bekannt gewordene Gunter Sachs, er habe durch die Lektüre „einschlägiger Publikationen“ erkannt, dass er „an der ausweglosen Krankheit A.“ – Alzheimer – leide. Sein Ausweg: Selbstmord. Eine ärztliche Diagnose lag dem 78-Jährigen offenbar nicht vor. Nach dem Suizid warnte die deutsche Hospizstiftung vor Selbstdiagnosen: „Ohne einen gesicherten medizinischen Befund ist es für einen Laien unmöglich, an sich selbst Alzheimer oder eine Demenzerkrankung festzustellen“, sagte Eugen Brysch, Geschäftsführer der Deutschen Hospizstiftung. Für eine Diagnose fehlt den meisten Menschen schlichtweg das Fachwissen.
„Schätzungsweise neun von zehn zusammengegoogelten Diagnosen sind falsch“, sagt Nina Buschek. Für einen Laien sei es unheimlich schwierig, die Beschwerden zu erkennen und richtig zu benennen. Ein Arzt dagegen sehe bei der Diagnose immer den ganzen Menschen, könne Konstitution, Alter und Vorgeschichte berücksichtigen und gezielt nach den entscheidenden Beschwerden fragen. „Dieses Erkennen, Gewichten und Einordnen schafft keine noch so ausgefuchste Suchmaschine“, so Buschek.
Zudem verstärkt das Internet die Ängste der Menschen. Nach der Recherche im Netz sind nicht wenige der Überzeugung, dass es weitaus schlimmer um sie steht, als es das tatsächlich tut. US-Forscher wie Brian Fallon von der Columbia-Universität in New York sprechen von einer modernen Form der Hypochondrie – der „Cyberchondrie“: Der Ausflug ins Internet verstärkt die düstersten Visionen.
Das hält Laien nicht davon ab, OnlinePortale nach medizinischen Fachtexten zu durchsuchen. Laut einer Studie des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Pew haben schon 2006 mehr als 80 Prozent der amerikanischen Internetnutzer nach Gesundheitsthemen im Netz gesucht. Nach der von der Europäischen Union und der Weltgesundheitsorganisation initiierten Studie „eHealth in Europe“ tut dies auch in Europa schon mehr als die Hälfte der Internetnutzer. Um sich selbst nicht ohne Grund für schwer krank zu halten, sollte man beim Surfen auf die Details achten: Bei Internetseiten, die das sogenannte HON-Logo (Health on the Net Foundation) tragen, kann sich der Nutzer darauf verlassen, dass jeder Beitrag mit Quellen- und Autorenangaben versehen ist und Werbung eindeutig von redaktionellen Inhalten getrennt wird. Vor einer Fehldiagnose schützt das allerdings nicht.
Nutzer sollten darauf achten, dass die Portale unabhängig sind – ein Impressum und eine Datenschutzerklärung deuten auf Seriosität. Gesundheitsportale wie netdoktor.de wollen nicht zur Selbstdiagnose ermutigen, sondern die „Kommunikationslücke zwischen Patient und Arzt“ schließen. „Wir sind der Dolmetscher und das Nachschlagewerk für den Patienten“, fasst Buschek zusammen.
Hallo Jas,
ich finde Deinen Artikel gut und stimme ihm zu.
Aaaaber er bleibt trotzdem nicht unwidersprochen, denn es gibt eben auch Fälle, dass Beschwerden/Krankheiten von Ärzten nicht erkannt oder falsch diagnostiziert wurden.
Ich mache deshalb der Ärzteschaft keinen Vorwurf, aber es sollte für uns “Laien” auch nicht bedenkenlos die Aussage eines Arztes hingenommen werden!
Meinungsbildung (im Falle evtl. gravierender Diagnosen) sollte mindestens durch einen anderen Arzt bestätigt werden. Dass wir uns dazu manchmal auch im Internet etwas “schlau lesen”, ist also nicht von der Hand zu weisen.
Nach sowas suche ich nie im Internet – das sagt mir die allgemeine Lebenserfahrung, das da nix bei raus kommt. Weil eben das Fachwissen fehlt…
Hauptthema war “Die Online-Suche ersetzt keinen Arztbesuch.” und etwas Grundinformation ist mit Sicherheit nie verkehrt Alfons, denn so erkennt man leichter Zusammenhänge und kann gezielt Fragen stellen um bessere Informationen zu erhalten.
Zu allem Ja und Amen sagen ist nie gut, ein verantwortungsvoller Arzt wird bei schwerwiegenden Diagnosen selbst eine zweite Meinung bei einen Kollegen einholen oder es verstehen wenn es der Patient macht.
Im Internet schlau lesen stelle ich mir sehr erschwert vor…
Jas, wir haben uns in der Mitte getroffen
.
Du gibst mir recht, wenn ich mich wenigstens “etwas schlau lese”, denn dann kann ich wirklich gezielt nachfragen, wenn ich mit Mediziner-Kauderwelsch zugeschüttet werde.
Ich bin sicher, DU würdest das bei mir nicht machen