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hand-129532_150Die Aufklärung erhob die Arbeit zur größten Tugend. Doch selbst unter den neuen Denkern, sagt Prof. Dr. Pierre Saint-Amand, gab es bald Zweifel am notorisch produktiven Dasein. Über kostbare Untätigkeit…

INEFFIZIENZ gilt uns als hässliche Unsitte, als Verschwendung, gar als Sünde. Wer gerade nichts hervorbringt, nur ziellos prokrastiniert oder schlicht gar nichts tut, den quält das eigene Gewissen. Der fühlt sich bald vom Bannstrahl der allzeit schaffenden Gesellschaft getroffen. Schon vor dem Terror der Produkte kam der Terror der Produktivität.

„Unsere Gesellschaft hat sich einer Bewertung der Arbeit verschrieben, die manchmal furchterregend ist“, sagt Dr. Pierre Saint-Amand, Professor für französische Studien und vergleichende Literaturwissenschaft an der Brown University in Providence, Rhode Island (USA). Die Anbetung von Arbeit, Produktivität, Effizienz scheint größer denn je. Selbst modernste Chip-Werkzeuge, die ja gern mit dem Versprechen kommen, die Arbeitslast zu mindern, beobachtet Saint-Amand, führten letztlich nur dazu, Arbeit „allgegenwärtig“ zu machen. „Wir haben fast keine Trennung von Arbeit und Freizeit mehr. Wir arbeiten 24/7, wie wir in den USA sagen.“ 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Erlaubt ist bestenfalls ein „power nap“.

Warum ist der Mensch, weit über den Broterwerb hinaus, so besessen von der heiligen Arbeit? Saint-Amand ging auf die wissenschaftliche Suche nach den Wurzeln dieses Wahns. In jener Epoche, die sich der Befreiung des Menschen von ewiger Unmündigkeit verschrieben Glauben und Tradition durch Vernunft ersetzen wollte, der Aufklärung. Sie brachte so viel Gutes: Rechte, Freiheiten, Emanzipation. Die Wissenschaft, die Toleranz, die kritische Öffentlichkeit und die Idee des Gemeinwohls. Wir zehren bis heute von ihr.

Bei den Griechen und Römern aber durfte man noch ziellos lungern, in die Luft gucken, eine Inspiration abwarten. Den emsigen Aufklärern wurde die Arbeit zur Obsession. Voltaire erhob „le travail“ zum „Vater des Vergnügens“. Arbeit, räsonierte er, „schützt uns vor drei Hauptübeln: vor Langeweile, Laster und Not“. Das Lob der Schufterei bot den Denkern die Chance, sich vom dekadenten Müßiggang der faulen Aristokraten abzusetzen. Der Fleiß des zu befreienden Bürgers ging in Stellung gegen die nutzlose Herrschaft des blaublütigen Schmarotzers. Ein Klassenkampf.

Pierre Saint-Amand wuchs in Haiti auf, in einem Haus voller Bücher. Sein Vater, ein Schulleiter, verlangte makellose Arbeitsmoral. „Er war sehr autoritär. Ich hatte nie Ferien als Kind.“ Zu Ferienbeginn brachte Papa stets einen Schultisch nach Hause. Daran musste der Sohn das Pensum des kommenden Schuljahres büffeln. „Ich war meinen Klassenkameraden immer ein Jahr voraus.“

Heute sucht Saint-Amand, 56, nach den Brüchen im Arbeitsethos der Aufklärung, nach Zweifeln der Denker an der allein selig machenden Effizienz. Seine späte Rache? Der Professor lacht schallend. „Oh, das kann sehr gut sein. Ich habe das als Kind gar nicht gemocht.“

Der Forscher ist fündig geworden. Bei Diderot, Rousseau – überall entdeckte er Spuren von Skepsis und Verweigerung. Rousseau etwa unterschied zunehmend zwischen der guten – sprich: freien – Arbeit und der in gesellschaftlicher Abhängigkeit ausgeführten Maloche, die den Menschen materiell wie moralisch nur elend mache. „Sie wetterten gegen Voltaire“, sagt Saint-Amand. Weil sie in ihm die Mathematisierung einer manisch aktiven Welt fürchteten.

Sein Lieblingsheld ist der oft als unproduktiv gescholtene Maler Jean Siméon Chardin. Der malte gerne häusliche Aktivitäten. Doch finden sich in seinen Szenen zerstreute Figuren, die sich, ganz entspannt, der Untätigkeit hingeben. „Kunst und Schöpfung entstanden für ihn in der Abwesenheit von Arbeit. Die Investition in die Zeit war sehr wichtig für ihn.“

Und der Professor? Darf er faul sein? „Ich arbeite immer“, sagt er, fast entschuldigend. „Ich habe Schwierigkeiten, Untätigkeit zu akzeptieren.“ Die Prägung sei stärker als alle Erkenntnis, meint Saint-Amand. „Ich bemerke, dass ich diesen Pressionen erliege.“ Dabei sei es die größte Herausforderung unserer Zeit, die Zeit zu finden, um sich zu erneuern, die Welt neu zu betrachten. „Das ist das Kostbare an der Untätigkeit“, sagt er. „Diese Momente, in denen wir die Dinge loslassen.“