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human-20424_640Ist das Gute Instinkt, oder hat es uns die Evolution gelehrt?

Wettbewerb ist nicht das Ende der Geschichte, sagt Prof. Dr. Martin A. Nowak, ein fröhlicher Österreicher, der in Cambridge (Massachusetts, USA) lebt. Kooperation sei neben Mutation und Selektion der dritte Motor der Evolution. „Um kompliziertere Strukturen aufzubauen, bedarf es der Kooperation“, erklärt der Professor für Biologie und Mathematik. „Die natürliche Selektion braucht gewissermaßen Hilfe.“

Da zuckt der klassische Darwinist – legt er doch die Lehre des Meisters gern als archaischen Kampf der Einzelwesen aus. Darwins Paradigma vom „Survival of the Fittest“ wird hier sehr individuell interpretiert: Wer sich am besten anpasst, am härtesten durchschlägt, kommt weiter. Altruismus und Moral gelten bestenfalls als hübsches Beiwerk. Darwin betrachtete „die Hülfe, welche dem Hülflosen zu widmen wir uns getrieben fühlen“, hauptsächlich als „Resultat des Instincts der Sympathie“.

„Kooperation ist so alt wie das Leben“, kontert Nowak, Direktor des „Programms für Evolutionäre Dynamik“ der US-amerikanischen Harvard University. Seine Thesen untermauert er mit den Waffen der Mathematik und Experimenten aus der Spieltheorie, die strategische Entscheidungen von Menschen simulieren. Er zeigt: Einzeller und Ameisen, Affen und auch der Mensch konkurrieren nicht nur, sondern agieren oft selbstlos, zum Wohl der Gemeinschaft. Wo jeder nur an sich denkt, kommt die Spezies nicht voran. Nowaks Resümee: „Kooperation ist Teil der Urformel.“

„Super Cooperators: Altruism, Evolution, and Why We Need Each Other to Succeed“, so der Titel seines letzten Buches. Der Wissenschaftler erklärt darin, warum Zusammenarbeit eine Grundlage der Entwicklung des Lebens auf der Erde ist. Schon die Moleküle mussten in der Ursuppe zueinander finden, um die Schwelle zum Leben zu überschreiten. Wichtigstes Instrument der Kooperation ist die Sprache, die wiederum ließ Religionen entstehen. In ihnen spiegelt sich für Nowak der Geist der Kooperation. Wie aber führt Selektion zu Kooperation?

Nowak erkennt fünf Strategien: das simple Handeln auf Gegenseitigkeit, das wir von den Affen kennen. Du laust mich, ich lause dich. Der zweite Pfad ist schon komplexer: die „indirekte Reziprozität“, anders gesagt: der gute Ruf. Das Prinzip: Ich helfe dem anderen, ein Dritter registriert dies, hält mich für hilfsbereit und wird mir später vielleicht auch helfen. Die dritte Strategie ist die Nachbarschaftshilfe, Kooperation in unmittelbarer Umgebung, auch an Bakterien und Pflanzen zu beobachten. Hinzu kommen die Gruppen – und die Verwandtenauslese.

Schon Darwin dachte über das gemeinsame Gute in der menschlichen Entwicklung nach: Bei den Urmenschen, die „mit einander in Konkurrenz“ standen, notierte er, konnte – unter sonst gleichen Umständen – jener Stamm am besten gedeihen, der „eine grössere Zahl mutiger, sympathischer und treuer Glieder umfasste, welche stets bereit waren, einander zu helfen und zu verteidigen“.

Mit Techniken der Spieltheorie evaluiert Nowaks Team heute die Handlungen von Gruppen. Immer wieder müssen sich die Probanden entscheiden: Kooperiere oder verweigere ich mich? Anfangs, beobachtet Nowak, dominiert das einfache Geben und Nehmen. Es weicht der echten, „großzügigeren“ Kooperation. So entsteht eine Art historischer Dynamik: Die Generosität wächst – so lange, bis einige Mitspieler wieder auf Eigennutz setzen. „Eine einfache mathematische Version der Oszillationen der Menschheitsgeschichte, wo für einige Zeit Kooperation wächst. Dann wird sie zerstört, wiederaufgebaut und so weiter.“

Das forschende Spiel mit der „indirekten Reziprozität“ ermöglicht einen neuen, zugleich seltsam vertrauten Blick auf den Menschen – von der Paarbeziehung bis zum 30-Jährigen Krieg. Erfolgreiche Strategien hätten drei Eigenschaften, glaubt Nowak. Sie sind „generös, hoffnungsvoll, nachsichtig“. Viele Menschen seien allzu wettbewerbsfixiert. „Sie merken gar nicht, dass sie Teil eines größeren Spiels sind. Sie haben einen Konflikt und glauben, ihn ausfechten und gewinnen zu müssen – als Person, als Firma. Oft wäre es viel besser, nicht auf Sieg zu setzen.“